90 Jahre junge Oldtimer Dame in Purpurrot!

Bei meinen Oldtimern frage ich mich immer, was sie wohl schon alles erlebt haben. Wer schon alles darauf gefahren ist und wo sie überall schon waren. Die Antworten auf diese Fragen bleiben meist ein Geheimnis des Fahrrades. Manchmal allerdings geben ein paar Merkmale aufschlussreiche Informationen, zum Beispiel zum Hersteller und zum Baujahr. Davon abgeleitet können Farbe, Originalteile und Seltenheitswert des Fahrrades ermittelt werden. Anhand dieser Informationen ist man als ernsthafter Restorator angehalten, das Fahrrad so genau wie möglich in den Originalzustand zurückzuversetzen.

Anders bei diesem Fahrrad. Anhand der Anbauteile konnte ich das Fahrrad zwar ungefähr zeitlich einschätzen, jedoch gab es keinerlei Hinweise auf den Hersteller. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt es aus den 1920er Jahren. Anlass zu dieser Einschätzung war ein markanter Hinweis: eine defekte Karbidlampe montiert mit dem originalen Halter dafür.

Leider konnten nur noch Rahmen, Gabel, Kette und Steuersatz vom Original übernommen werden. Mit diesen Grundvoraussetzungen hatte ich also zwei Möglichkeiten. Erstens: das Fahrrad in den Schrott zu werfen. Zweitens: Das Fahrrad optisch und mechanisch auf den neuesten Stand zu bringen, ohne dabei zu viel an Originalität in Optik und Mechanik einzubüßen.

Warum ich mich für welche Teile entschieden habe

Laufräder:

Die neue Trommelbremse vorne kommt vom selben Hersteller, der diese seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute fertigt. Ebenso die Zweigang-Hinterrad-Rücktrittnabe. Die Felgen und die Speichen sind vom Design her stark an die damalige Zeit angelehnt. Natürlich habe ich die Laufräder von Hand gebaut. Die Speichenkreuzungen habe ich mit einem speziellem Speichendraht umwickelt und verlötet. Die Reifen entsprechen in Form und Farbe ebenfalls dem Standard der damaligen Zeit. Um dabei dennoch den heutigen Sicherheitsstandard in Bezug auf die Beleuchtung zu erfüllen, befinden sich daran zusätzlich StVZO Reflektionsstreifen.

Die Schutzbleche:

Diese sind im Hollandrad Design gehalten. Die Löcher für den Rockschutz am Hinterrad Schutzblech sind von mir vor der Pulverbeschichtung hinein gebohrt worden. Ein edler Schmutzfänger aus Leder ziert das Vorderrad Schutzblech.

Der Lenker:

An diesem Lenker findet sich die Originalform wieder. Passend zu dieser Zeit wurde eine Messing Hupe im Posthorn Design angebaut. Die silber/altbraunen Lenkergriffe aus Leder passen farblich perfekt zum Sattel und Schmutzfänger desselben Materials (Englisches Weiderind).

Der Sattel:

Dieses Schmuckstück ist eine Neuauflage des Englischen lederverarbeitenden Betriebes BROOKS. Der Sattel ist einem Damensattel aus dem Jahr 1898 nachempfunden. Ein geprägtes Blumenmuster verziert und verzaubert die Damenwelt, damals wie heute.

Der Gepäckträger:

Es gibt tatsächlich noch einen Hersteller, der diese nach optischen Gesichtspunkten genauso wie damals herstellt. Wofür sonst hätte ich mich entscheiden sollen?

Die Pumpe:

So wurde die Pumpe schon 1901 gebaut. Also ein MUSS für dieses Rad!

Die Kurbeln und Pedale:

Diese sind, genauso wie es damals üblich war, mit eingeschlagen Keilen mit der Achse des Innenlagers verbunden. Diese wird nach altem Standard eingepresst und nicht – wie noch vor 5 Jahren – üblich verschraubt. Pedal Reflektoren waren damals schlicht nicht Stand der Technik.

Die Beleuchtung:

Hier durfte eine Karbidlampe natürlich nicht fehlen. Diese wurde von Hand so lange poliert, bis der klassische Messingschein zu sehen war. Lampen solcher Art wurden 1896 zum ersten Mal an Fahrrädern verbaut. Am hinteren Schutzblech befindet sich lediglich ein kleiner roter Reflektor.

Funktionsweise der Karbidlampe:

Der Körper der Lampe besteht aus zwei übereinander angeordneten Behältern. Im unteren Behälter der Lampe befindet sich Calciumcarbid, auf das aus dem oberen Behälter Wasser tropft.

Calciumcarbid reagiert mit Wasser zu Ethin und Calciumhydroxid. Das entstehende Ethin-Gas (Trivialname: Acetylen) verlässt den unteren Behälter durch eine kurze Rohrleitung, die in einem Brenner endet, der vor einem Hohlspiegel aus Metall fixiert ist. Das entweichende Gas wird am Brenner entzündet. Die grelle Flamme wird vom Spiegel fokussiert und zur Beleuchtung genutzt. Die Düse bestand früher aus Metall oder Speckstein, später aus Keramik.

Fazit: Ein schönes Damenrad, das alte Technik neu interpretiert. Nach über 15 Arbeitsstunden sieht es genauso aus, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte. Auf dass weitere 90 Jahre ins Land gehen, bis ein Zweiradmechaniker mit Herz sich erneut dieses Schätzchens annimmt.